Vorort Bajuvaria
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Aktuelles

Schwerpunktthema: Hochschule der Zukunft

Am 22. Juni 2017 feiert Wilhelm von Humboldt seinen 250. Geburtstag. Diese Möglichkeit wurde genutzt, um zu diskutieren, ob es nun an der Zeit sei, sich von seinem Bildungsideal zu verabschieden oder wieder dorthin zurückzukehren. Österreichs Hochschullandschaft humboldtscher Prägung weißt zurzeit viele Missstände auf. Als Vorort Bajuvaria ist es uns ein Anliegen, diese aufzuzeigen, Diskussionen einzuleiten und die Möglichkeiten der Entwicklung der Hochschule zu erörtern.

Universität Wien (c) Sergio Delle Vedove

Universität Wien (c) Sergio Delle Vedove

Die Universität ist Zentrum eines jeden aktiven Couleurstudenten. Hier eignen wir uns Fachwissen, Kompetenz und geistiges Rüstzeug für unsere Tätigkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft an. Gerade deshalb müssen wir mit unseren Werten Stellung beziehen und als größter Akademikerverband in der Positionierung über die Hochschule der Zukunft Farbe bekennen. Treu unserem Prinzip Scientia ist es unser Anspruch, aktiv auf den Hochschulen und in deren Organen mitzuwirken. Diesen Anspruch verwirklichen tagtäglich viele Bundes- und Cartellbrüder in ganz Österreich in diversen Gremien der Studentenvertretung und im Universitätsalltag. Wir möchten an vergangene Initiativen und Veranstaltungen anderer Vororte (z. B. das Hochschulsymposium), die schon einen Grundstein gelegt haben, anknüpfen. Als ÖCV ist es unsere Verpflichtung, uns weiterhin verstärkt für eine optimale universitäre und postsekundäre Ausbildung in Österreich einzusetzen.

 

Die Hochschule der Zukunft ist digital, aber nicht bedingungslos

Chancengerechtigkeit, Eigenverantwortung und der kontinuierliche Kontakt zur Universität als Treffpunkt, an dem sozialer Austausch möglich ist, müssen das Fundament einer „digitalisierten“ Hochschule darstellen. Die Digitalisierung darf für österreichische Hochschulen keine „schlafende Revolution“ werden. Die österreichischen Hochschulen dürfen nicht, einem Schlafwandler gleich, in die Digitalisierung hineintaumeln. Diese Gefahr besteht aber durchaus, denn derzeit fehlt es an Anreizen, die akademische Lehre zu modernisieren, sie zu digitalisieren und Potentiale aus "e-learning"- und "blended learning"- (integriertes Lernen) Formaten sowie „Massive Open Online Courses“ (MOOCs) zu realisieren. Und trotz aller Fortschritte, die die Digitalisierung erfordert, braucht es zeitgleich noch immer ein klares Bekenntnis zum physischen Ort Universität. Denn das Erlernen wichtiger akademischer Kompetenzen benötigt oft persönliches Zusammentreffen, um neben den notwendigen Fachkenntnissen den Studenten auch soziale Kompetenz mitzugeben. Dieser Austausch sollte eine aufgeklärte Meister-Schüler Beziehung widerspiegeln. Im Sinne einer Pädagogik, die Aufgaben stellt, die die Grenzen der Studenten austestet und auch einmal deren Horizont überschreitet, damit sich ihre wahren Talente herauskristallisieren und zu Höchstleistungen anspornt. Denn es ist nicht ausreichend, nur soziale Schranken abzubauen, um Talente zu fördern, sondern es bedarf auch der Begleitung durch einen Professor als Vorbild und Lehrer durch das Studium. Doch dieser Ansatz der Bildungskultur ist uns leider abhandengekommen. So bemerkt Konrad Paul Liessmann richtig, „dass die moderne Bildungspolitik in die Irre geht, wenn sie glaubt, immer schon vorweg den Nutzen und die Anwendbarkeit einer Sache oder Fähigkeit, die vermittelt werden soll, angeben zu müssen“. [1]

 

Die Rolle der Universität wird durch den Aufstieg der Fachhochschulen verändert

Selbstverständlich muss eine tertiäre Ausbildung den Studenten auch im gewissem Maße auf die entsprechende zukünftige Berufstätigkeit vorbereiten. In diesem Zusammenhang ist das Modell der Fachhochschule zu sehen und zu begrüßen. Fachhochschulen sind keineswegs „Universitäten zweiter Klasse“, sondern haben ganz eigene Bildungszwecke und decken spezifische Berufsbilder ab. Ihre Rolle besteht darin, den Absolventen eine wissenschaftlich fundierte und praxisbezogene Ausbildung zu vermitteln. Besonders im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich haben sie das Potential, den zukünftigen Bedarf am Arbeitsmarkt zu stillen und sind zu einer tragenden Säule des österreichischen Hochschulsystems geworden. Doch zurzeit erleben wir auch eine zunehmende Akademisierung von diversen Berufstätigkeiten, die zum Nachdenken anregt. Die Abwertung des Fachhandwerkes kann als solch ein Beispiel gesehen werden. Anstatt stolz auf unser duales Ausbildungssystem im Bereich der Lehre zu sein, wird das Anstreben eines Lehrberufes oft schlechtgemacht. Die Matura und das Studium verkommen so zum reinen Selbstzweck. Fördern wir deswegen junge Menschen, die in Handwerk, Gewerbe und Dienstleistung eine Lehre anstreben. Erörtern wir das Verhältnis der Universität zur Fachhochschule, um Synergien zu nutzen, aber auch Doppelgleisigkeiten einzustellen. Dafür ist es notwendig, eine offene Diskussion über Universitäts- und Fachhochschulstudien zu führen. Dazu ist es aber auch notwendig, weg von einem Konkurrenz- hin zu einem partnerschaftlichen Verhältnis zu kommen. Als ÖCV bekennen wir uns zu der differenzierten österreichischen Hochschullandschaft, um die forschungs- und berufsorientierten Bedarfskriterien zu erfüllen.

 

Ausreichend finanzielle Mittel im Verbund mit einer klaren Strategie

Zurzeit ist die Grundfinanzierung der Hochschulen unzureichend und die Lage vieler, besonders junger, Wissenschaftler ist prekär. Die Qualität der Lehre und das Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studenten ist verbesserungswürdig. Doch auch ein wohl dotiertes Universitätsbudget ohne Gesamtstrategie kann keine nachhaltige Qualität garantieren. Derzeit hat man das Gefühl, beide Aspekte zu vermissen. Das vielzitierte Ziel, 2 % des BIP in den Hochschulsektor zu investieren, ist noch immer unerreicht und anstatt das wohl überlegte, fertig ausgearbeitete Konzept der kapazitätsorientierten Studienplatzfinanzierung samt Zugangsmanagement im Nationalrat zu beschließen, wurden wahlkampf- und parteipolitischen Interessen der Vorzug gegeben. Es ist höchste Zeit, Klientelpolitik in die Schublade zu stecken und im Sinne des Wissenschaftsstandortes Österreich zu handeln. Nur so können die Hauptziele, Qualitätsverbesserungen (z.B.: bessere Betreuungsverhältnisse, Ausstattung der Hörsäle) an den österreichischen Universitäten in Lehre und Forschung zu erzielen und die Anzahl der Drop-Outs zu reduzieren, erreicht werden.

 

Die autonome Hochschule als Keimzelle für Innovation & Forschung

Eine alte Überzeugung, gute Lehre entspringt allein aus guter Forschung, scheint sich als Trugschluss herauszustellen. Dank des Universitätsgesetzes und dessen Novellen sind die Hochschulen nun gezwungen, durch Innovation und eigene Qualitätssteigerung um die besten Studenten zu kämpfen. Die Autonomie der Hochschulen hat maßgeblich zu einer Profilbildung einzelner Institute beigetragen. Durch den vermehrten Wettbewerb zwischen den Hochschulen darf auf eine Verbesserung des Gesamtsystems gehofft werden. Anhand dieser Profilbildung besteht die Chance, dass sich Hochschulen zu Exzellenzinstituten weiterentwickeln und dort Lehre und Forschung auf höchstem Niveau betreiben. Um die Forschung zu stärken, können Kooperationen zwischen Unternehmen und Universitäten sowie zwischen wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen eine wichtige Rolle spielen. Vor allem im Bereich von Spin Offs gibt es noch sehr viel Potential auszuschöpfen. Für einen international wettbewerbsfähigen Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort ist eine praxisnahe Forschung unabdingbar und es muss die Brücke zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung geschlagen werden. Dennoch gilt dabei zu beachten, dass auch die geistige und wissenschaftliche Vielfalt in Österreich geschützt wird und nicht nur anhand von ökonomischen Überlegungen über Forschungs- und Lehrschwerpunkte entschieden wird. Es liegt vor allem an der Politik, die entsprechenden Rahmenbedingungen für die Hochschule der Zukunft zu schaffen, die die Bedürfnisse von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft vereinen, um junge Akademiker und Akademikerinnen mit den richtigen Fähigkeiten hervorzubringen, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen und Österreich voranzubringen. Darum ist unsere Hochschulpolitik zu wichtig, um das Feld allein einer ideologisch festgefahrenen ÖH-Exekutive oder mutlosen Reformern zu überlassen. Es geht um unsere Bildung. Es geht um unsere Zukunft. Es geht ums Prinzip.

Dieser Artikel erschien ursprünglich als Printartikel im aktuellen Vorortsmagazin des ÖCV.

Rückfragen & Kontakt
Johannes Siter
2. Vizepräsident
j.siter@bajuvaria.at

 

[1] vgl. Köhlmeier, Liessman (2016) Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?, S. 163